Webinar "Psyche im Gespräch"
Vortrag
Autismus und Neurodiversität
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) werden in der aktuellen Fachdebatte zunehmend im Spannungsfeld zwischen kategorial-diagnostischer Einordnung und dimensionalen, diversitätsorientierten Konzepten verhandelt. Der Vortrag bietet zunächst eine prägnante Übersicht über ASS als neuroentwicklungsbedingte Störung im Sinne internationaler Klassifikationssysteme (DSM-5/ICD-11), mit Fokus auf Kernsymptomatik, neurokognitiven Besonderheiten, Komorbiditäten sowie evidenzbasierter Diagnostik und Therapie. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Heterogenität klinischer Präsentationen sowie den Implikationen für differentialdiagnostische Abgrenzungen und Behandlungsplanung.
Im zweiten Teil erfolgt eine Vorstellung des Neurodiversitätsparadigmas, das Autismus primär als Variante neurologischer Entwicklung konzeptualisiert und defizitorientierte Modelle infrage stellt. Diskutiert werden sowohl die gesundheits- und sozialpolitischen Implikationen dieses Ansatzes als auch dessen Relevanz für therapeutische Haltung, Behandlungsziele und die Arzt-Patienten-Beziehung.
Der Vortrag arbeitet zentrale Spannungsfelder heraus: Einerseits trägt das Neurodiversitätskonzept zur Entstigmatisierung und zur Stärkung von Autonomie und Partizipation bei. Andererseits besteht die Gefahr einer Unterrepräsentation klinisch relevanter Beeinträchtigungen, insbesondere bei Patient:innen mit hohem Unterstützungsbedarf, ausgeprägter Komorbidität (z. B. affektive Störungen, Angststörungen, ADHS) oder eingeschränkter Alltagsfunktionalität. Kritisch beleuchtet wird zudem, inwieweit neurodiversitätsorientierte Narrative mit evidenzbasierter Psychotherapie und medizinischer Indikationsstellung vereinbar sind.
Abschließend wird ein integrativer Bezugsrahmen vorgeschlagen, der eine differenzierte Balance zwischen anerkennender, ressourcenorientierter Haltung und klarer Berücksichtigung psychopathologischer Befunde ermöglicht. Ziel ist es, klinisch tätigen Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen eine fundierte Grundlage für diagnostische, therapeutische und ethische Entscheidungen im Umgang mit ASS im Kontext aktueller gesellschaftlicher Diskurse zu bieten.
Referentin: Dr. Claudia Schulz
Leitende Psychotherapeutin AMEOS Klinikum Osnabrück
Für die Veranstaltung wurden Punkte bei der Niedersächsischen Ärztekammer beantragt.
